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Ausstellung: 12. Mai – 4. Juni 2023 in der Galerie Kriens
Gleichzeitige Welten
In ihrer Ausstellung arbeitet die Künstlerin Graziella Berger mit fast allen erdenklichen Materialien und Gattungen: Papier und Karton, Blütenblättern und Stoff, Pflanzenteilen und dem eigenen Körper; neben Photographien finden sich Rollen und Kegel aus Karton und Aluminium, Texte und Bilder. Unscharfe Schwarzweiss-Photos stehen neben Aufnahmen leuchtend farbiger Objekte, beiläufig erscheinende Notate und Skizzen neben abstrakten Zeichnungen aus kräftigen Linien.
Schon diese Vielfalt der hierarchielos gebrauchten Materialien und Medien zeigt, dass es Graziella Berger nicht um eine Reihe von autonomen Arbeiten in einer bestimmten, wiedererkennbaren Handschrift geht. Vielmehr schafft sie mit ihren Installationen, in denen die genannten Elemente auf den ersten Blick beliebig erscheinend nebeneinander gestellt sind, Erlebnisräume, in denen Betrachterin und Betrachter je eigene Erfahrungen machen.
Minimale Handlungen
Ein zentrales Element in dieser Bilderflut ist der Körper der Künstlerin, deren Glieder immer wieder in den Photographien auftauchen: Mal sehen wir den Schattenwurf zweier Unterschenkel, deren Füsse sich an den Zehen berühren; mal bilden ihre Hände vor tiefschwarzem Hintergrund eine bogenartige Form. Auf anderen Photos sind Partien ihres Körpers so aufgenommen, dass wir lange nicht identifizieren können, ob es sich um den unteren Rücken oder den Halsansatz handelt. Eine dritte Bildergruppe schliesslich führt grundlegende Funktionen der Hände vor, wenn eine Linke eine Pflanze bei den Wurzeln hält oder die Rechte ein Bündel Tücher zusammenfasst. Diese Gesten sind in ihrem Charakter so minimal, dass schwer zu entscheiden ist, ob sie absichtslos dem alltäglichen Tun oder einer performativen Handlung mit Kunstwollen entstammen. Denn, wie schon in den Beschreibungen angedeutet, lässt sich das Ergebnis vieler dieser Handlungen auch mehrdeutig und bildhaft lesen: So ist das Greifen der vielfarbigen Tücher auf einer ersten Ebene sicher eine Alltagshandlung; doch auf einer nächsten Ebene ist dieses Fassen eben auch ein Bündeln und damit eine grundlegende plastische Handlung, und schliesslich ergibt diese Handlung – gerade auch wegen der Farbigkeit der Tücher – eine Form, die an eine Blüte erinnert.
Bilder von Bildern
Die auf der Handlungsebene festgestellte Mehrschichtigkeit lässt sich auch auf der Ebene des Bildes ausmachen. So arbeitet Berger immer wieder mit dem Mitteln der Collage und Assemblage. Einmal gemachte Photos wie die mit der Hand an der Pflanzenwurzel oder die aus zwei Händen gebildete Bogenform werden ausgeschnitten, mit anderen Bildern montiert und in einem Rahmen präsentiert oder erneut photographiert und so die Schnittstellen zwischen den zusammengesetzten Bildteilen ausgelöscht. In der Kombination werden die Bilder um immer neue (Be)Deutungen angereichert, die wir als Betrachterinnen und Betrachter aufnehmen und mitbringen, wenn dieselben Bilder uns an anderer Stelle wiederbegegnen.
Realität, Bild und Abstraktion
Die Wiederkehr und Neukombination der Bilder in der Ausstellung von Graziella Berger macht schon deutlich, dass es darin um eine zeitliche Erfahrung im Raum geht. Denn Betrachterin und Betrachter sehen die Elemente in einer je selbst gestalteten Abfolge, die zu immer neuen und eigenen Schlüssen führt. Die Bilder ändern aber noch auf einer dritten Ebene immer wieder ihren Charakter. Berger arbeitet nämlich ausdrücklich mit der Präsentation von Bildern, wenn sie Photos und Objekte in flachen Schachteln ausstellt. Nicht allein kann sie diese wie Bilderrahmen konventionell an die Wand hängen, sondern sie können als Objekte auf Konsolen oder den Boden gestellt werden und reihen sich damit ein in die dreidimensionalen Dinge, wie die Kegel und unregelmässigen Körper aus weissem Karton. Darüber hinaus erinnern diese Schachteln auch an die schützenden Behältnisse aus Sammlungen und Archiven und stellen sich damit in einen zeitlichen Ablauf eines Bevor und Danach jenseits der Ausstellung.
Kunst und Leben
Die Beiläufigkeit der Handlungen, die Vieldeutigkeit der Objekte und ihre zeitliche Einbettung lassen vermuten, dass die Künstlerin die Grenze zwischen Kunst und Leben durchlässig machen will, und wie im richtigen Leben ist auch hier alles mit allem verbunden: Das Bündeln der Tücher gemahnt an Blüten, wie sie in getrockneter Form real oder abgebildet in den Arbeiten Bergers immer wieder begegnen. Die minimalen Gesten mit Körpergliedern bilden ebenso essentielle, architektonische Formen wie die Kartonobjekte. Die stete Neukombination von Bildern schliesslich ahmt den Erkenntnisprozess nach, im dem wir immer wieder Anderes miteinander kombinieren und abgleichen, um uns die Zufälligkeit und Kontingenz unserer Umwelt und unserer Existenz verständlich zu machen.
Text: Heinz Stahlhut













