Texte
Im Nachlass finden sich zahlreiche Texte, häufig als undatierte Pinselzeichnungen ausgeführt.
Für die Gedenkveranstaltung «Ciao Graziella» hat Trixa Arnold eine Auswahl getroffen, István Scheibler hat gelesen.

1

einfach da sein
einfach weitermachen
dort wo es nicht weitergeht
dort ist die Kunst

2

Die Bereiche, in denen ich mich bewege, liegen genauso
verstreut wie die Städte auf einer Landkarte / Weltkarte.
Die Freiheit will ich mir mit Gesetzen aufbauen, mein
System aufbauen.
Manchmal fühle ich mich als Wolke die getrieben durch den
Wind sich verdichtet, steigt, sinkt, vom Gefrierpunkt ins
Flüssige geht, sich entleert, aufgelöst wieder in einer
neuen Schicht sich ballt. Die Höhen und die Tiefen dort wo
es aufprallt, sich kreuzt, durchmischt und als neue
Verdichtung weiter kumuliert.
So wie ich verschiedene Aggregatzustände habe interessieren
mich die verschiedenen Zustände der Arbeitsmaterialien, in
denen ich mich bewege. Zeichnen, radieren, modellieren
malen. Wenn ich eine Arbeit beginne, habe ich keine
konkrete Idee, die ich ausführen will, sondern dass ich
bestimmtes Material zur Verfügung habe, mir ein Gerüst
vorbereite, das kann verschiedener Arten sein, also, ein
wirkliches Gerüst zu bauen so wie es ein Haus braucht, oder
mir eine Art Konzept-Schablone gebe, vielleicht in 1 Stunde
6 Radierungen.
Eine Möglichkeit ist:
Ich stelle mir das so vor:
In meinen Kopf gibt es einige Kegel
die gefüllt mit geladenen Molekülen sind
Das Licht bricht die Spitze eines solchen Kegels.

Ich lasse eine Arbeit entstehen, so dann gibt es
Richtungen, die ich dann wieder verlassen kann und neues
herausarbeite.

3

Anleitungen für Aufbau

„Kopfarbeit“ 1995
Nr 0 – 16
Mit den Händen legen, streichen
Sei zärtlich zu deinen Gedanken
„Kopfkörper“
Kopf – Körper – Kissen

Anweisung zur
Rekonstruktionsanweisungen
– Die Sandform immer in beide Hände nehmen
– es dürfen keine Falten entstehen
– es dürfen keine leeren Stellen entstehen

Headwork Reisekopf
reconstruction

4
suchend geschrieben

ich habe immer schon gerne geschrieben, wie ich alleine am
reisen war habe ich am tisch geschrieben beim felsen
geschrieben, im sand geschrieben in der sonne geschrieben
im wasser geschrieben, immer geschrieben, schreibend
schwitzend geschrieben, lachend geschrieben weinend
geschrieben, grüssend geschrieben einsam geschrieben,
locker geschrieben, suchend geschrieben, schreibend suchen
nach der welt (zum mitnehmen)

unter dem Schirm

unter dem Sonnenschirm
im schirm
im bilderschirm

unter dem Bilderschirm werden wir begraben sein

im leuchten der Schatten der Sonnenschirme

5
Ich sehe alles, was ich sehe mit meinen Augen.
Heute will ich sehen wie K sieht,
morgen sehe ich wie D sieht,
übermorgen werde ich sehen wie J sieht,
überübermorgen sehe ich was ich nicht gesehen habe.
Werden ich oder du je sehen, was wir nicht gesehen haben?
Kann ich sehen wie eineN Nicht-EuropäerIn?
Wieso sehe ich wie eine EuropäerIn?
Wie lerne ich anders sehen?

6
PROJEKTE, DÜSSELDORF 1994
TEXTE NOTIZEN LEBENSFORMEN
RAUM-WOHNEN-BEWEGUNG

Ich bin nach Hause gekommen, den Mantel hingehängt, und
wollte mich gleich einer Haustätigkeit widmen. Ich schaute
in den Kühlschrank, doch wollte ich nicht schon wieder
Salami und Käse essen. Ich brätelte eine halbe Aubergine im
Ei und Mehl, und legte diese auf ein frisches Weissbrot.

7
Lücken

Ich denke: wo ist der Aschenbecher

ich gucke
ah, dort
will hinlangen

auf dem Weg sehe ich ein Papier mit einem

Satz drauf

Ich lese

und führe meine Augen wieder zurück
ohne den Aschenbecher ergriffen zu haben

8
saug saug!
die Energie
sie ist
für Dich
du der die
die Menschen
liebst
das Leben liebt
sei herzlich gegrüsst
heute jetzt
aus dem Strom
der Energie

9
Das Rädlein hüpft
dreht
in deinen Hüften

geschwollene backe
ein Rosa Mund

10
Es spriessen die tage
wolllustige blätter
fliegen zu boden
des
stein scharfige kante
zersplittert
den saft
und es spriessen die
blätter
im schatten der zweige

12.11.90

11
Das Meer,
ist das Meer,
meiner Mutter,
meines Grossvaters.

Es ist das Meer.
Es ist das Meer meiner Kindheit,
meiner Jugend.
Das ist das Meer

Mein Meer ist wild,
mein Meer ist aufbrausen
mein Meer ist undurchschaubar
rauscht auf mich zu,
mein Meer ist tiefgründig
mein Meer ist sanft
mein Meer ist salzig
mein Meer ist Körper umhüllend
mein Meer ist blau
mein Meer ist grün
ist klar

mein Meer ist berauschend schön
und zärtlich zu mir
Ich liebe dich Meer.

12
A Kommen Sie aus der Türkei?
Wenn Sie kurzes Haar hätten wären Sie ein Mann!
Würden Sie die Haar schneiden, sähen Sie aus wie ein Mann.

B Wie meinen Sie?

A Ja, kurzes Haar dann ein Junge!

B Meinen Sie – ich?

A Ja, Haare schneiden, dann ein Mann!

B Äh!
Pause –

Zusammen: Ob er nur meint ich wäre dann ein Mann, oder ob
ich nur so aussehen würde; was würde er sich dann wohl bei
meinen Erscheinen, falls er mich als Mann sieht, denken?

13
Das Wichtigste im Leben ist keine Kunst zu machen

14
Es ist besser, auf der Suche nach Originalität zu
scheitern, als mit einer Nachahmung Erfolg zu haben.
Tröstete er sich.

15
Einen Moment lang länger

16
Schmerz bedeutet nicht unbedingt Leiden oder Masochismus,
sondern eine gesteigerte Sensibilität für Vergänglichkeit
und Akzeptanz von Verlust.

17
Was passiert wenn alle Sinne versagen?

18
Rohstoff – Kunst
Man muss sich etwas konkretes vornehmen sonst passiert
nichts.

19
Beim Erwachen hatte ich die Vision, den Einfall, den ich
leider so nicht mehr zeichnen kann, weil ich aufgeräumt
habe. Der Stapel, interessant! Das Gewachsene in der Zeit
in allen Koordinaten.

Unordnung – Chaos – Ordnung in Gebrauch ergibt eine
Chaosstruktur.

20
HINTER DEN WOLKEN

DER MOND, DER MOND DER MOND, DER MOND SCHEINT
DER MOND, DER MOND, DER MOND SCHEINT DUNKEL

21
Eine Filterzigarette brennt jetzt und ich rauche sie als
meine fünfte heute am 22. Mai 2002

22
Meine Nachbarin kommt und möchte gern eine Cigarette
rauchen, ohne dass sie sich gleich eine ganze Packung
kauft, was sie nicht möchte. Wir reden von der Akademie und
wie das Befinden dort ist.

23
In jedem Land, in dem ich war, habe ich ein Kleidungsstück
hinterlassen.

24
Ich sah soeben ein Gipsloch

25
„Ich bin nicht ganz sicher ob das eine Erinnerung ist oder
ob ich das konstruiert habe“

26
Der Tisch
ist eine
Projektionsfläche.
Es ist immer geil wenn er leer ist.

27
Sich weiterzubilden

Weiterzubilden

Wie besteht der Künstler in der Welt der Bildung?
Eine Frage, die mich bedrückt…
Vielleicht am besten, indem er Kriminalromane schreibt.
Kunst da tut, wo sie niemand vermutet. Die Literatur muss
so leicht werden, dass sie auf der Waage der heutigen
Literatur-Kritik nicht mehr wiegt: nur so wird sie
gewichtig.

28
Notizen aus einem kleinen Heft, 1993 / 94

Die Vorstellung meine Träume zu filmen (o. fotografieren)
Wäre wieder eine Rekonstruktion meiner Selbst.
Ja, manchmal kommt mir mein Leben wie ein Kriminalroman
vor, wo ich der Detektiv bin und auf der Suche von mir bin,
die Suche des Täters, meine Lebens.
Ich weiss manchmal gar nicht ob ich der Täter bin, gibt es
Mittäter meiner selbst.
Ich spiele mein eigener Detektiv.

Was meinst du, dass dein Leben ist?
Ich sehe es eine Bewegung, Rhythmus, eine Art des Tanzes.
Doch wer spielt die Musik? Wer komponiert?

29
Aus Dr. Eams
Zeichnungsarbeiten werden angeschaut, es geht um Kunst für
eine Ausstellung. Meine Arbeiten wurden in verschiedene
Mappen gelegt.
Eine Arbeit war etwas empfindlich, so legten wir sie in
eine spezielle Verpackung. Diese Arbeit war grösser als die
anderen, dann schien es als wären die Arbeiten schon
eingerahmt worden in einem schwarzen Rahmen, zwei oder
sechs stück.
Dann war der Tag der Ausstellung bzw. des Einrichtens. Das
war ein Chaos, da sehr viele junge Künstler mitmachen. Die
schwarzen Rahmen wurden gesucht. Ich war ja sicher, dass
meine Arbeiten schon eingerahmt waren. Wir hielten uns auf
dem Flur auf, von dem aus es in dieses Ausstellungszimmer
ging. Alles war schwarz.
Es scheint, dass ich immer noch auf der Suche nach meinen
Arbeiten bin. Plötzlich ein Wirrwarr. Viele Künstler sind
in einem grossen schwarzen Raum. Irgendwie war es etwas
dunkel oder es war einfach dunkler weil alles schwarz
gestrichen war. Die Wände, der Boden, einfach alles.

30
Gerade noch war jemand im Raum. Jetzt bin ich alleine und
bereite mich vor. Ich streiche Lotion auf die Arme, die
Beine und den Bauch ein. Dann kommt Franz Bucher herein.
Ich sage: „Ich beschäftige mich mit der Vergangenheit, ich
habe mich immer mit dem Jetzt beschäftigt.“ Er ist
freundlich und macht eine Runde im Raum. Während dessen
pflege ich mich, indem ich mich mit Körperlotion
einstreiche. Die Lotion streiche ich als 4 cm breite und 2
cm dicke Streifen auf die Arme, die Beine und auf den
Bauch. Die Lotion entnahm ich aus einer großen Büchse. Erst
war es mir ein wenig peinlich, nackt auf dem Stuhl zu
sitzen. Aber dieses Gefühl war auch gleich wieder
verflogen.

31
Ich war am Stein hauen, an einem braunen Stein. Wie ich zu
meisseln aufhörte, bliess mir der Stein den Staub ins
Gesicht. Ich konnte kaum noch sehen. Im Hintergrund
tauchten Leute auf. Ich ging zum Brunnen und wusch mir
Gesicht, meine Arme und meine Hände mit ganz klarem
Brunnenwasser.

32
Ich lebe sehr gerne, ich lebe so in meinen Arbeiten,
wo ich doch viele Steine habe,
das Stolpern eine Herausforderung ist
eine lustvolle Art zu leben.
Mich interessiert, wie ich zu Bildern komme, in denen etwas
weiterlebt.
in denen meine gelebte Zeit spürbar wird.

33
Eine Sprache / die Sprache

Die Kunst, nein keine Kunst will ich
ich möchte schreiben, tanzend schreiben
schreiben wenn ich tanze
und tanzen wenn ich schreibe.

Ein Text und Text
da schreib ich meinen Text,
das Leben im Leben,
leuchten und strahlen
eine Überkopplung der Sterne
immer welche fliegen dort
Das Bild nimmt ein Bild

34
Fluchtorte haben

Etwas schönes tun

Den Amseln zuhören

Mich von Angst befreien

Ein A4 Blatt selber gestalten